1892-09-13 Arbeitersamariter

13. September 1892

Gründung der Arbeiter-Sanitäts-Commission

Im Spätsommer 1892 tauchte in Berlin und der Mark Brandenburg ein Gespenst auf: Die Cholera. Sie war in Hamburg ausgebrochen, hatte schreckliche Erinnerungen an die letzten Epidemien in Berlin (1831/32 und 1866) wachgerufen. Damals hatte es Tausende von Toten gegeben.

Natürlich befaßten sich Magistrat und Stadtverordnete der Residenz mit Vorbeugemaßnahmen, verlangen von der preußischen Regierung einen Kredit von 300.000 Mark für “erforderliche sanitätspolizeiliche Maßnahmen". Die Berliner Sozialdemokraten waren im Prinzip für diese Schritte. Sie machten aber deutlich, dass der Betrag angesichts der Probleme zu gering sei. Sie verlangten deshalb vom Gesundheitsamt, es solle alle sanitätswidrigen Zustände und Verhältnisse in Berlin aufspüren, ihnen nachgehen und sie rigoros bekämpfen. Die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung winkte müde ab. Die Reaktion der SPD-Fraktion: Auf Initiative von Dr. Ignaz Zadek veröffentlichten sie einen Aufruf, der am 13. September 1892 im "Vorwärts" erschien. Der Appell richtete sich an die Arbeiter Berlins und Umgebung, gegen die üblen Mißsta.nde in Sachen Wohnverhältnisse und Ernährung selbst vorzugehen. Eine "Sanitätskolonne von Freiwilligen" solle alle großen Mängel in Wohnungen, Höfen, Straßen, Plätzen und Fabriken melden.

Dauerbrenner

 

Die Bürgerinitiative unter dem Namen "Arbeiter-Sanitäts-Commission" (ASC) entpuppte sich als Dauerbrenner, fand in anderen Städten Nachahmung. Speziell in Frankfurt am Main etablierte sich unter der Führung von Karl Freitag am 28. April 1985 eine solche Kommission.


Neben den Berichten stellte die ASC Berlin Forderungen an die Kommune, so die Schaffung von städtischen Ämtern für Gesundheit und Wohnen. Sie meldete sich über die Jahrhundertwende hinweg in gewohnter Reihenfolge, anfangs alle Woche, später ein- oder zweimal im Jahr. Sie löste sich erst 1902 auf, als feststand, daß die Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute mit Albert Kohn an der Spitze (dem späteren ersten Direktor der AOK Berlin) mit Hilfe staatlicher Mittel eine offizielle Wohnungs-Enquete samt Foto-Dokumentation beginnen konnte.
Doch die mißlichen Zustände blieben. Zwar gab es inzwischen einen gemeinsamen Krankentransport und die Gewerbeaufsicht, dennoch kam immer neues Übel ans Licht. So tauchten die Grundsätze der ASC nach der Revolution 1918/19 in den Programmen der Arbeiter-Samariter und den sozialistischen Parteien erneut auf.


Der Kopf der ASC Berlin war Ignaz Zadek, Dr. Alfred Blaschko und seine Arztkollegen Paul Christeller (siehe Bericht ) und Karl Kollwitz fachliche Mitstreiter. Dr. Adolf Braun (Lily Brauns Schwager) war für die regelmäßige Veröffentlichung aller üblen Nachrichten im "Vorwärts" zuständig; Gustav Dietrich, Zimmerpolier und Gründer des "Lehrkursus der Berliner Arbeiterinnen und Arbeiter zur ersten Hilfe bei Unglücksfällen" (siehe Buchtipp ) und späteren Arbeiter-Samariterkolonne Berlin spannte von Anfang an seine "Sanis" als Kontrolleure ein und organisierte unauffällig, aber effizient den gesamten Apparat -unterstützt übrigens von vielen Frauen, darunter Emma Ihrer und Mathilde von Hofstetten. Später stieß noch Bebels Hausarzt Dr. Raphael Friedeberg zu diesem Kreis.

Bereitwilligkeitserklärung - anklicken zum VergrößernIntensive Schulung
Die Kontrolleure der ASC gingen erst nach einer intensiven Schulung los; jeder gemeldete Mißstand wurde von zwei unabhängig vorgehenden Streifen unter die Lupe genommen. Die Stadtgrenzen Berlins waren da kein Hindernis. Vielen Hausbesitzern und Verwaltern aus Schöneberg, Charlottenburg oder Gesundbrunnen klopfte die Kommission auf die Finger. Am 29. August 1893 wurden im "Vorwärts" die Toiletten des Schöneberg er Pferdebahn-Depots an der Grunewaldstrasse 110/Ecke Hauptstraße gründlich untersucht und festgestellt: "Drei Klosetts auf dem Hofe für 50 Beamte und Stall-Leute; ein verschlossenes für das Büropersonal und die Oberbeamtenklosetts ohne Wasser, dreimal täglich gereinigt, trotzdem unsauber. Die Klosetts könnten leicht Wasserleitungen erhalten, da solche auf dem Grundstück vorhanden ist."

Die ASC beschränkte sich nicht nur auf Inspektionen. Ihre Forderungen nach behördlich durchgeführten und bezahlten Wohnungs-Enqueten, nach einem Krankentransportwesen unter städtischer Regie und kommunalen Wohnungsämtern klangen senstionell, äußerten sich in einem starken Echo. So stark, daß im August 1893, als die erbärmlichen Verhältnisse der Patienten in der preußischen Militär- und Universitätsklinik “Charite zu Berlin” durch eben diese Untersuchungen ans Tageslicht kamen, einen Sturm der Entrüstung auslösten, der im Boykott der Klinik gipfelte. Bittere, berechtigte Klagen über mangelhafte sanitäre Einrichtungen, überfüllte Krankensäle und die unwürdige, Kasernenhof- und drillmäßige Atmosphäre lagen der ASC auf dem Tisch 19 Forderungen stellte daraufhin die Kommission auf, diskutierte sie in großen öffentlichen Versammlungen. '.
Forderungen der Krankenkassen - anklicken zum VergrößernMit Erfolg. 45.000 Mitglieder sämtlicher freier und eingeschriebener Hilfskassen, vierzig Ortskrankenkassen (über 200.000 Mitglieder), eine Betriebskasse (15.000 Mitglieder) sowie die Kasse des Meierei-Betriebes Bolle machten mit, unterstützten die Revolution der kleinen Leute. Im preußischen Kultusministerium horchte ein Mann besonders auf: Ministerialdirektor Friedrich Althoff. Im vertraulichen Gespräch, geführt in seinem Dienstsitz Unter den Linden/Ecke Wilhelmstraße, machte er dem Arzt Alfred Blaschko deutlich, daß er politisch gegen den Streik, privat aber für die Aktion sein. Der Boykott müsse weitergehen, nur so könnten seine Pläne verwirklicht werden, in den nächsten Jahren den Botanischen Garten vor den Toren der Stadt zu verkaufen, um mit dem Erlös 13 neue Gebäude für die Charité zu errichten und drei weitere Häuser umzubauen. Kosten: 10,89 Millionen Mark. Eine Regierungskommission werde erscheinen, die Zustände prüfen, Mängel beheben; einen Bericht darüber werde es nicht geben. Dr. Blaschko willigte ein. Noch unter dem Getöse des inzwischen ausgebrochenen Berliner Bier-Boykotts schlief der Streik wie vereinbart ein. Althoffs Pläne kamen aus der Schublade, nahmen zwischen 1987 und 1913 als "Neue Charite" Gestalt an; Architekt der bekannten Backsteinbauten hinter der Stadtbahn war Kurt Diestel.
In dieser Zeit machte übrigens ein treuer Freund der deutschen Arvbeiterbewegung Station in Berlin: Friedrich Engels, Gefährte von Karl Marx und dessen Nachlassverwalter. Am 22. September 1893 gab die Partei ihm zu Ehren einen geroßen Festcommers in den Concordia-Festsälen, Andereassrasse 64 (nahe des alten Schlesischen Bahnhofs); rund 4000 GenossInnen umjubelten den Mann, der 51 Jahre lang Berlin nicht mehr gesehen hatte. Engels blieb einige Tage, eingelagden von August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Bebel wohnte damals in der Großgörschenstraße in Schöneberg. “Library” (d.h. Bibliothekar ) Liebknecht in der Kantstraße (heute Karstadt-Moschee).
Über Qualität, Schnitt und Beschaffenheit der Berliner Wohnungen schrieb Engels an Laura Lafargue: “Bebel (bei dem Louise [Kautzky, KB] und ich wohnen, hat eine sehr schöne und gemütliche Wohnung, aber Library, bei dem wir den gestrigen Abend verbrachten, lebt in einer Wohnung mit Räumen, die so schrecklich verbaut sind, daß ich entsetzt war. Hier in Berlin hat man das “Berliner Zimmer”erfunden mit kaumeiner Spur von Fenster, und darin verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit. Nach vorn hinaus gehen das Esszimmer (die gute Stube, die nur bei grossen Anlässen benutzt wird), und der Salon (noch vornehmer und noch seltener benutzt), die Schlafzimmer nach dem Hof”. Noch drastischer äußerte er sich in einem Brief an Viktor Adler: “...Berlin (ist) von außen wirklich schön, selbst in den Arbeitervierteln lauter Palastfronten. Was aber dahinter ist, davon schweigt man am besten.”

P.S.: Die Büste von Fritz Althoff erstrahlt im Bereich des Haupteingang der Charité im neuen Glanz und begrüßt die Besucher.

Text: Konrad Beck

 

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