1946-03-01 Funktionärskonferenz Admiralspalast

1. März 1946

Funktionärskonferenz im Berliner Admiralspalast

Mit einer Tondokumentation hat der Journalist Manfred Rexin, Mitglied der Historischen Kommission der Berliner SPD am 14. März 2006 im Kurt-Schumacher-Haus auf einer Veranstaltung der Historischen Kommission und des Berliner SPD-Landesverbandes an die Funktionärskonferenz im Berliner Admiralspalast erinnert, auf der die Weichen für die Urabstimmung gestellt wurden. Wir dokumentieren das Manuskript .

Tondokumentation von Manfred Rexin: Das Votum vom 1.3.1946

Zehn Monate erst waren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin vergangen, als am 1. März 1946 um 9 Uhr morgens in dem neben dem Bahnhof Friedrichstraße gelegenen Admiralspalast 2.500 SPD-Funktionäre zusammenkamen, um ihren künftigen Kurs zu bestimmen. Ihre Konferenz durfte nicht länger als funf Stunden dauern - fur den Nachmittag war in dem Gebäude, das später Metropol- Theater hieß, eine Veranstaltung der Staatsoper angekündigt .

Der von der sowjetischen Besatzungsmacht kontrollierte Berliner Rundfunk ließ die Funktionärskonferenz im Admiralspalast auf Wachs-Platten mitschneiden - nicht ganz vollständig: Anfang und Ende fehlen auf den Platten - der Auftakt des Grotewohl-Referats und die Schlussabstimmung. Aber vier Stunden sind ungekürzt erhalten geblieben. Der Berliner Rundfunk hat sie nie ausgestrahlt: Ein einzigartiges historisches Dokument verschwand für vier Jahrzehnte in den Archiven des Senders und war erst in den 90er Jahre zu hören - nach der Auflösung des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR.

Fotos und Filmaufnahmen von der Funktionärskonferenz im Admiralspalast gibt es nicht.
Journalisten berichteten für in- und ausländischen Blätter, dass uniformierte Offiziere der vier Mächte im Saal Platz genommen hatten - gleich vom in den ersten Reihen. Sowjetische Militärs sah man auch in großer Zahl vor dem Gebäude.

Otto Grotewohl, Vorsitzender des Zentralausschusses der SPD in Berlin und im sowjetischen Besatzungsgebiet, brauchte für seine einleitende Rede eine Stunde und fünfzig Minuten Redezeit. Als er immer neue Details zu den sozialökonomischen und politischen Realitäten des zerschlagenen Landes aufzählte, wurden Zuhörer ungeduldig: laute Zwischenrufen steigerten sich zu tumultuarischem Widerspruch. Die Zeit drängte. In den Wochen zuvor waren auf Geheiß der Sowjets viele dringliche Debatten über die von ihnen und ihren deutschen Gefolgsleuten verlangte Verschmelzung von KPD und SPD in einer neuen "Sozialistischen Einheitspartei" verkürzt oder abgewürgt worden. Als Grotewohl endlich zu dem Thema kam, dass die Versammelten erregte, sprach er von ,,Reibungsverlusten", die sich aus der Existenz zweier verschiedener Arbeiterparteien ergäben - es würde "vitalste Lebensinteressen des deutschen Volkes" schädigen, wenn nicht die Arbeitnehmer in den Betrieben größeren Einfluss beim Wiederaufbau erlangten:

GROTEWOHL 1

Originalton Grotewohl am 1.3.1946 "Bei dieser völlig veränderten Sachlage gegenüber der Zeit vor 1933 wäre es für jeden denkenden Menschen ein unerträglicher Zustand, wenn innerhalb der Betriebe auch noch zwei verschiedene politische Betriebsgruppen stehen, die sich gegenseitig befehden und durch zwecklose Diskussionen (Unruhe, Widerspruch und Beifall) - die sich gegenseitig befehden und durch - ist es so schwer, eine sachliche Überlegung anzuhören, Genossinnen und Genossen?
(Widerspruch und Beifall) Will die Berliner Arbeiterschaft, die ihre Elite hierher geschickt hat, wirklich - will sie wirklich - will sie wirklich vor der Welt sich dem Vorwurf aussetzen, daß sie bei der furchtbaren Situation, in der Deutschland lebt, nicht in der Lage ist, seine sachlichen Probleme sachlich zu erörtern? (fortgesetzte Unruhe, Glocke)}

Hermann Harnisch, Bezirksvorsitzender der Berliner SPD, der die Konferenz leitete, beschwor das Auditorium, Grotewohl anzuhören:

GROTEWOHL 2

Originalton Grotewohl am 1.3.1946 (Glocke) Hanisch: "Also ich bitte um Gehör, " Grotewohl: "leh fahre also fort. Es darf in den Betrieben nur eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung und eine einheitliche politische Bewegung geben, die nebeneinander stehen, sich gegenseitig ergänzen und durch politische Aufklärung die höchstmögliche Produktionssteigerung im Interesse des deutschen Volkes gewährleisten. "

Als Grotewohl nach kritischen Anmerkungen zur Rolle Kurt Schumachers in Hannover so tat, als hätten er selbst und der Zentralausschuss der SPD in Berlin vom Sommer 1945 an bruchlos und konsequent auf die Verschmelzung von SPD und KPD hingearbeitet, explodierte der aufgestaute Unmut vieler Zuhörer, die noch bis zum Jahreswechsel einen anderen Grotewohl erlebt hatten.

GROTEWOHL 3

Originalton Grotewohl am 1.3.1946 "Ich weiß, ich weiß, daß Ihr meinen Argumenten nicht zugänglich sein wollt.
(Unruhe) Darum wäre es, darum wäre es an sich ja vielleicht zwecklos, zu Euch darüber zu sprechen, aber wenn das so ist, dann ist es überhaupt merkwürdig.
daß Ihr hier hergekommen seid (Protest). Ihr seid doch sicher gekommen(anhaltende Unruhe) - Ihr seid doch sicher hier hergekommen (Glocke) - Ihr seid doch sicher hier hergekommen, weil Ihr Euch für bessere Vertreter-"



Was sich da am Vormittag des 1. Februar 1946 im Admiralspalast vollzog, war die Selbstdemontage eines politischen Idols. Rhetorisches Talent und politisches Wissen hatten Grotewohl in den ersten Nachkriegsmonaten unbestrittene Autorität in der Führung der ostdeutschen SPD gesichert. Um so größer war nun die vernehmbare Enttäuschung über ihn, als er erklärte, die KPD sei nach der Auflösung der In. International in Moskau nicht mehr die Partei von 1933, und was Sorgen um persönliche Freiheit und Demokratie anginge-

GROTEWOHL 4

Originalton Grotewohl am 1.3.1946 I" Wir sind keine bürgerlichen Demokraten, deren Denken sich in der formalen demokratischen Staatsform erschöpft, sondern uns sind wichtiger die wirtschaftlichen Einrichtungen. Die Entwicklung der Staatsform ist zweifellos für uns etwas Wichtiges, aber sie ist nicht das Primäre, sonst wären wir keine Sozialisten. Wir sind nicht bereit, wieder in einem demokratischen Tempel zu beten, in dem man mit einem Leutnant und drei Mann die Träger des demokratischen Rechts von ihrem Stuhl herabstoßen kann. Dabei hilft uns auch keine neue Vergoldung, sondern nur ein neues festes Fundament und eine entschlossene kampfbereite Tempelwache, und das wird die sozialistische einheitliche deutsche Arbeiterbewegung sein." (

Die Uhr ging auf 11 Uhr vormittags, als Grotewohls Rede zu Ende war, und ein Reporter des Berliner Rundfunks in sein Aufnahmegerät sprach:

Reporter und GERMER 1

Originalton Rundfunkreporter am 1.3.1946 "Nachdem der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Otto Grotewohl, sein Referat beendet hat und sich die Teilnehmer in einem Zustand der weitesten und höchsten Spannung befinden, verliest der Versammlungsleiter die Liste der Diskussionsredner, die sehr umfangreich geworden ist. Als erster Redner spricht Germer als Mitglied des Zentralausschusses. " I

Originalton Germer am 1.3.1946: "Otto Grotewohl hat uns soeben ein Referat gehalten. das uns von der Notwendigkeit einer Verschmelzung von SPD und KPD zur Erreichung einer starken Arbeiterschaft überzeugen sollte. Seine Ausführungen waren, wie wir das bei unserem Genossen Grotewohl gewöhnt sind. geistreich und geschickt zusammengestellt. Sie können uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie eigentlich nur der Versuch des Menschen Grotewohl sind, sein eigenes Gewissen von der Verwerflichkeit seiner politischen Handlungsweise freizusprechen. .. (Lärm, Beifall)



Für den 33jährige Kar! Germer, jüngstes Mitglied des seit Juni 1945 bestehenden SPD-Zentralausschusses für Berlin und die Sowjetzone, inzwischen einer der entschiedensten Gegnern der Vereinigung mit der KPD war dies sein erster öffentlicher Auftritt vor vielen hundert Menschen. Im Berliner Rundfunk hat man die Rede später nicht hören können. RIAS und NWDR spielten noch keine Rolle in der Vier-Sektoren-Stadt.

Reporter und GERMER 2

Originalton Rundfunkreporter am 1.3.1946 '"Es ist schwer zu beschreiben, was sich jetzt hier abspielt. Die Versammlungsteilnehmer befinden sich in einem Zustand des Tumults wegen der Ausführungen, die Germer macht. Trotzdem versucht der Versammlungsleiter, ihn am Fortsetzen seiner Rede nicht zu hindern. "

Originalton Germer am 1.3.1946 "Es genügt, wenn ich daran erinnere, daß alle Argumente, die gegen die jetzige Verschmelzung sprechen, gerade von denjenigen vorgebracht wurden, die sich heute als begeisterte Anhänger der Verschmelzung gebärden. Soll ich die Frage aufwerfen, ob all die Beteiligten, denen doch unser Vertrauen gehörte, so wenig politischen Weitblick besitzen, daß sie innerhalb weniger Monate ihre eigenen Erkenntnisse als unsinnig bezeichnen müssen?:-;

Als ich einen Umschnitt der nicht verwendeten Ton-Aufnahme hatte, 47 Jahre später, habe ich jene Rede dem dann 80-jährigen Karl Germer in seiner Tempelhofer Wohnung vorgeführt.
Der alte Mann war bewegt. (Mit seiner Partei haderte er schon lange). Er erzählte mir, wie ihn nach dem Ende der Funktionärskonferenz in der Mittagsstunde des 1.März einer der anwesenden US-Offiziere eingeladen habe, sich von ihm in einem Fahrzeug der Militärregierung nach Hause bringen zu lassen. Prof Harold Hurwitz (heute hier unter uns) hat einen großen Band seines Standardwerkes ,,Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945" diesem ,,Fusionskampf' gewidmet. Noch mieden die Westmächte schroffe Kontroversen mit den Sowjets , aber Amerikaner und Briten halfen diskret, wenn jemandem für ein mutiges Wort Sanktionen drohten.

Nach Germers Rede trug der Spandauer Delegierte Gerhard Außner den Entwurf einer Entschließung vor, in der die seit der Jahreswende formierte parteiinterne Opposition sorgsam formuliert - die Argumente der Befürwortem und der Gegnern einer Fusion von SPD und KPD knapp und nüchtern zusammenfasste:


AUSSNER 1

Aus diesem Für und Wider muß eine einheitliche Willensbildung erfolgen.
Getreu der demokratischen Übung unserer Bewegung geschieht dies durch Befragung aller Mitglieder in geheimer Abstimmung. (Beifall) Mit Deinem "Ja" oder Deinem "Nein" auf dem nachstehenden Stimmzettel sollst Du. Genossin, und Du. Genosse. diese Willensbildung finden helfen:
Bist Du für den sofortigen Zusammenschluß beider Arbeiterparteien ? Ja!
Nein. Oder: Bist Du für ein Bündnis beider Parteien. welches gemeinsame Arbeit sichert und Bruderkampf ausschließt? Ja! Nein.
Genossinnen und Genossen. ich bitte Euch. diese Entschließung des Kreises 20 - Reinickendorf - hier in dieser Groß-Berliner Funktionärsversammlung einheitlich anzunehmen und damit unsere Demokratie unserer Sozialdemokratischen Partei zu retten." (Beifall)

Die Forderung nach einer Urabstimmung war seit der Jahreswende nicht nur in Berlin laut vernehmbar gewesen. Gerhard Außner zu Grotewohls Rede:

AUSSNER 2

Originalton Außner am 1.3.1946 .. Ich war allerdings sehr erstaunt, warum Genosse Grotewohl diese furchtbar naive Frage hier stellte: ,Warum seid Ihr hierhergekommen?' (Lärm) Genossinnen und Genossen, wir sind hierher gekommen, um die Demokratie in unserer Partei zu retten (Beifall)... Der Zentralausschuß hat Beschlüsse gefasst, ohne uns zu fragen, sondern er hat die Beschlüsse gefaßt und uns vor die vollendete Tatsache gestellt. Und wenn wir versucht haben, dagegen Stellung zu nehmen in Bezirksvorstandssitzungen, in Funktionärssitzungen, so hat man uns mit irgendwelchen eingebrachten Resolutionen versucht, mundtot zu machen. "

In der letzten Februar-Woche war Kurt Schumacher zu einem kurzen Besuch nach Berlin gekommen. Er hatte den Tempelhofer Kreisvorsitzenden getroffen - Curt Swolinsky :



SWOLINKSKY

Originalton Swolinsky am 1.3.1946 .
"Es ist bekannt, daß ich gegen eine sofortige Verschmelzung bin..Ich lehne nicht ab die Einheitlichkeit der Arbeiterklasse. (Beifall) Ich bin ein alter Gewerkschaftsfunktionär. Was wäre früher schöner gewesen, als wenn wir das gehabt hätten, und was wäre heute schöner, wenn wir sicher wären, daß wir sie bekämen? (Beifall) Also ich habe gestern Abend referiert. Abstimmungsergebnis: Abgelehnt die sofortige Verschmelzung 497 Stimmen, für eine sofortige Verschmelzung 53 Stimmen. (Beifall) Aber nun, Ich habe gestern Abend nur sachlich aus der Vergangenheit Bericht erstattet und habe mich ein ganz klein wenig gewehrt dagegen, daß man den Genossen Schumacher jetzt einen Knecht imperialistischer Mächte nennt (Pfui-Rufe) und daß man mich m den Zeitungen Schumachers treuesten Knecht heißt. Ich kenne Schumacher seit neulich, und ich muß ehrlich sagen, wir haben uns nicht zehn Minuten unterhalten. Ich habe auch absichtlich abends oder meinetwegen auch am
Sonntag mich nicht mit ihm getroffen. Ich will das Sprachrohr meiner Mitglieder bleiben (Bravo), aber man hat mir gestern schon mein Geschäft ganz und gar mit Hakenkreuzen vollgeschmiert. "(Pfui-Rufe)

Unter den Funktionären, die sich im Admiralspalast zu Wort meldete, waren die Gegner der Verschmelzung in der Überzahl, und die meisten Mitglieder des Zentralausschusses zogen es vor, zu schweigen. Ihnen sollte ein Gast zur Hilfe eilen, dem die Versammlung Rede-Recht einräumte, obwohl er kein Berliner war - Carl Moltmann, Landesleiter der SPD in Mecklenburg. Bei ihm zu Hause, so Moltmann, hätten sich Vorstand, Funktionäre und Mitglieder ,,rückhaltlos auf den Boden der Vereinigung gestellt". Man könne doch nicht so tun, als wenn es ein völlig freies Deutschland gäbe - ohne Besatzungsmächte - und jeder könne sich nun so austoben, wie es ihm lieb sei:

MOLTMANN 1

Genossinnnen und Genossen! Ist es denn nicht so, daß wir in diesem Sektor und auch in anderen Sektoren politische Freiheiten haben, die selbstverständlich kontrolliert werden, aber (Widerspruch), ja, darüber braucht doch niemand zu lachen. Habt Ihr denn nicht begriffen, daß die Besatzungsmacht die ganze deutsche Wirtschaft, die ganze deutsche Politik lenkt? Wollt Ihr das nicht begreifen? Wollt Ihr das nicht einsehen? Haltet Ihr denn überhaupt einen anderen Weg für möglich? (Ja-Rufe) Ja? Na, wenn ich diese Delegiertenversammlung heute sehe, dann möchte ich erstmal sehen, was ohne BesatzunRSmächte in dieser Demokratie herauskäme. (starker Widerspruch). Die Vereinigung - die wird beschlossen."

,,Die Vereinigung - die wird beschlossen", denn - die Fehler von 1918/19 dürfe man nicht wiederholen:



MOLTMANN 2

Originalton Moltmann am 1.3.1946.
,,1918 haben wir die verfassungsgebende Nationalversammlung da gefordert, weil wir die Demokratie retten wollten.

Genossinnen und Genossen! Ja, das ist Dir unbequem, deswegen soll ich aufhören. Nein, Genossen, wir hätten die Nationalversammlung nicht wählen lassen dürfen. Wir mußten 1918 die Gewalt in der Hand behalten, jawohl, Genossinnen und Genossen. Und nachher haben wir mit dem Parlamentarismus, mit der Koalitionspolitik. mit all diesen Dingen haben wir uns selbst zugrunde gerichtet, weil wir den Kapitalisten, weil wir den Banken. weil wir den Großgrundbesitz ließen und die mit ihren Geldmitteln die Demokratie ausnutzen, um die Arbeiterschaft niederzuringen. Das ist das Ergebnis. (Beifall und Widerspruch) Und jetzt plötzlich kommt nun ganz neu ausgerechnet die Berliner Arbeiterschaft, die Berliner Arbeiterschaft (Lärm) aus den Betrieben und schreit nach dieser Demokratie. Nein, Genossinnen und Genossen, diese Demokratie, die wollen wir nicht. Die wollen wir nicht in der Sozialdemokratischen Partei und die wollen wir auch nicht in der Sozialistischen Einheitspartei. .. (Lärm) I

Carl Moltmann, Landesleiter der SPD in Mecklenburg, ging wie Otto Buchwitz und Heinrich Hoffmann, die Vorsitzenden in Sachsen und Thüringen, seinen Weg in die Einheitspartei ohne die Illusion, dass da noch viel von dem Demokratie-Verständnis seiner früheren Partei, der SPD, zu bewahren sei. Geprägt war Moltmanns Rede im Admiralspalast von den Gesprächen, die er Rostock, Schwerin und anderwärts mit den Offizieren der SMAD, der sowjetischen Militäradministration in Deutschland, und mit den aus dem Moskauer Exil heimgekehrten deutschen Kommunisten geführt hatte. Sie waren entschlossen, das wusste er, koste es, was es wolle, die Verschmelzung der beiden Parteien zu erzwingen - und zwar noch vor dem nächsten 1.Mai. Stalins Weisung!

Den Schlusspunkt der Debatte setzte Franz Neumann, der Reinickendorfer Kreisvorsitzende, der nach den Ereignissen der vorhergehenden Wochen als wichtigster Gegenspieler Grotewohls in Berlin galt.

NEUMANN I

Originalton Neumann am 1.3.1946 "Ich kann wohl verstehen, wenn hier die Wogen hochgehen, und ich weiß auch, daß es ausschließlich die Schuld derer ist. die heute die Leitung der Partei und die Leitung des Zentralorgans der Partei vertreten. Das, was heute hier an Explosion herauskommt, das ist aufgestaut während der letzten zwei Monate und konnte sich nicht irgendwie Luft machen." (Zustimmung)



Auch Neumann sprach von der Sehnsucht nach einer starken einheitlichen Arbeiterpartei.
Aber er kritisierte noch einmal scharf die Methoden des Zentralausschusses - Z.B. die Zensur der Partei-Zeitung ,,Das Volk":

NEUMANN 2

Originalton Neumann am 1.3.1946 [Nicht eine einzige gegenteilige Meinung durfte im . Volk' erscheinen.
Dadurch ist ja die ganze Stimmung innerhalb der Partei Berlins entstanden.
weil nur eine parteioffiziöse Meinung vertreten werden durfte.

Neumann und seine Freunde - inzwischen vom Ausschluss aus der Partei bedroht - verlangten, dass einer Verschmelzung beider Parteien das allgemeine Votum der Wähler vorausgehen müsse:

NEUMANN 3

Originalton Neumann am 1.3.1946 .... .
:- Erst durch die Wahlen mit getrennten Listen kann das Stärkeverhältnis der beiden Arbeiterparteien festgestellt und dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit und Parität, die unmöglich eine mechanische Parität sein kann, Rechnung getragen werden.

Franz Neumann war der letzte Debatten-Redner im Admiralspalast. Nach ihm hatte nur noch Otto Grotwohl Gelegenheit zu einem Schlusswort, dann sollten die 2.500 Funktionäre fiir oder gegen eine Urabstimmung aller Mitglieder entscheiden. Sie stimmten offen ab. Die grosse Mehrheit - ca. 80 Prozent der Anwesenden - sagte Ja.
Was danach geschah, warum die Urabstimmung am 31.März auf die Sozialdemokraten in den drei Westsektoren Berlins beschränkt blieb und dort ein überzeugendes Votum gegen die Vereinigung erbrachte, welchen Weg die Partei in der Folgezeit einschlug, das wird Ditmar Staffelt beschreiben. Ich möchte diesen Bericht mit einem kurzen Absatz aus Grotewohls resignativem Schlusswort im Admiralspalast beenden:

GROTEWOHL 5

Originalton Grotewohl am 1.3.1946 ." .
- Genossen, was sich hier in Berlin abspielt, das ist ja nicht die Gegensätzlichkeit der sozialdemokratischen Genossen, sondern es ist die Gegensätzlichkeit der vier Besatzungsmächte. Und, Genossen, auf unserem Rücken und innerhalb unserer Reihen werden die sich aus dieser Besatzungszonen-Tatsache ergebenden Gegensätzlichkeiten zum Gegenstand der Auseinandersetzung.
Darum will ich Euch auch sagen: Für mich ist auch das, was heute sich hier abspielt, gar nicht so tragisch, wie sich das im Kopf mancher Genossen abspielt. (Zurufe) Nicht, leider Genossinnen und Genossen, Ich bin auch nicht zu abgebrüht, sondern weil ich genau weiß, daß der Tag kommt, an d:m diese uns heute behindernden Zustände verschwinden, und daß genau an diesem Tage auch die Berliner Arbeiterschaft, sich auf sich selbst besinnend, den Weg findet, den sie gehen muß."

Niemand im großen Saal des Admiralspalastes konnte sich an jenem 1. März 1946, Freitagmittag, - vorstellen, dass fast 45 Jahre vergehen sollten - bis zu dem Tag, an dem es keine Besatzungsmächte mehr gab und keine fundamentalen Gegensätzlichkeiten zwischen Ost und West.

 

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