1946-10-20 Berliner Wahl

1946: Freie Wahlen in der ganzen Stadt Berlin

Tagesspiegel-Titelseite zur Berliner Wahl 1946
 

1946: Freie Wahlen in der  ganzen Stadt Berlin

von Manfred Rexin

Ein warmer heiterer Herbsttag war der 20.Oktober 1946: Mehr als 92 Prozent der 2,3 Millionen  Wahlberechtigten in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin gaben ihre Stimme ab – anderthalb Jahre nach Kriegsende, länger als ein Jahrzehnt nach der letzten Wahl einer Berliner Stadtverordnetenversammlung im März 1933.
 Das Votum der Berliner wurde vielerorts mit Spannung erwartet. Aus dem Ausland waren prominente Journalisten an die Spree gereist, um Augenzeugen dieses Wahltages zu sein – einer von ihnen war der Engländer Lindley Frazer, dessen Stimme jene Berliner kannten, die im Krieg Kopf und Kragen riskiert hatten, wenn sie heimlich den Londoner Rundfunk hörten. Am 19. Oktober 1946, am Vorabend der Wahl meldete er sich über den RIAS:  „Dieses Wochenende ist in der Geschichte Deutschlands einer  der erregenden Momente – nicht allein deshalb, weil die Bürger Berlins zum ersten Mal seit über dreizehn Jahren die Möglichkeit haben, frei für die Partei ihrer Wahl zu stimmen. Es ist auch das erste Mal, dass eine Wahl in Deutschland alle  Zonengrenzen überschneidet.“
In ihrer Potsdamer Deklaration Anfang August 1945 hatten Amerikaner, Briten und Sowjets den Deutschen freie Wahlen unter der Aufsicht alliierter Besatzungsbehörden versprochen. Die Amerikaner machten damit den Anfang – mit Kommunalwahlen in den kleineren Gemeinden Hessens, Bayerns, Württemberg-Badens, aus denen die Christlichen Demokraten als stärkste Partei hervorgingen, gefolgt von den Sozialdemokraten. Im Schnitt gewann die SPD bei diesen ersten Nachkriegswahlen in süddeutschen Gemeinden etwa fünf- bis sechsmal so viel Stimmen wie die Kommunisten. So wie schon zuvor die für sie ungünstigen Wahlergebnisse in Ungarn und Österreich machten auch diese ersten süddeutschen Voten der KPD-Führung in Berlin klar, worauf sie gefasst sein musste, wenn es galt, in einem demokratischen Wettbewerb mit der SPD zu bestehen. Sie erzwang also mit Hilfe der Sowjets die Gründung einer Einheitspartei, beschränkt auf deren Besatzungszone, nach dem erbittert ausgetragenen „Fusionskampf“ vom Frühjahr 1946. 
 Die Berliner Sozialdemokraten hatten sich in ihrer Urabstimmung am 31. März  für ihre Eigenständigkeit entschieden. Ein gutes halbes Jahr später sollte nun also der Entscheidung der SPD-Mitglieder eine Abstimmung aller Berliner in den vier Sektoren ihrer Stadt folgen.
Mitte August 1946 erließ die Alliierte Kommandatura für die Stadt eine Wahlordnung : „Alle Vorkehrungen müssen getroffen werden, dass keine Bedrohung oder sonstige Einschüchterung oder irgendwelcher Druck ausgeübt wird, um die Stimmabgabe der Bevölkerung zu beeinflussen. Den Wählern muß volle Zusicherung gegeben sein, frei und unbehindert wählen zu können.“

 Gleiche Rechte für alle Parteien

Alle zugelassenen Parteien – SPD, SED, CDU und LDPD – sollten „die gleichen Rechte haben“.
Von gleichen Chancen war allerdings bei der Materialzuteilung wenig zu spüren: Es mangelte vor allem an Papier. Sozialdemokraten und „bürgerliche“ Parteien hatten Mühe, Plakate, Flugblätter, gar aufwendige Broschüren zu drucken. Der SED gewährten die sowjetischen Besatzungsbehörden großzügige Hilfe. Aber in öffentlichen Wahlversammlungen konnten politische Argumente hart und offen ausgetauscht werden. Zu einem wichtigen Thema wurde das Übergewicht der SED-Repräsentanten im Magistrat und in den Rathäusern der Bezirke.
 Unter einem Dutzend verschiedener Tageszeitungen trafen die Berliner ihre Auswahl. Der „Berliner Rundfunk“ war zwar weitgehend Sprachrohr der SED, aber kurz vor den Wahlen konnten der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ (RIAS) und der NWDR im britischen Sektor ihre Programmangebote vermehren. Allerdings mangelte es in vielen Haushalten an Radiogeräten (im Mai 1945 waren die Berliner aufgefordert worden, ihre Rundfunkapparate bei den Besatzungsbehörden abzuliefern ).

 Gerüchte und Erpressung

Viele Beobachter rechneten im Oktober 1946 mit einem Kopf-  an Kopfrennen von SPD und SED. Man wusste nicht so recht, wie die Wähler auf bewusst in Umlauf gesetzte Gerüchte reagieren würden, dass bei einem Wahlsieg der SED mit verbesserten Lebensmittelzufuhren aus der sowjetischen Besatzungszone zu rechnen sei, dass aber  – umgekehrt bei einem für die SED ungünstigen Ergebnis – solche Lieferungen gedrosselt würden.
 Am Wahlsonntag fuhren Militärjeeps mit je einem Offizier der Vier Mächte von Wahllokal zu Wahllokal, um die Siegel der Urnen zu prüfen und um nach Vorkommnissen zu fragen. Um 20 Uhr war der zwölfstündige Wahlgang beendet, und die Auszählung begann. Die Ergebnisse ins Stadthaus in der Parochialstraße zu übermitteln, war nicht ganz einfach. In Köpenick lagen noch immer viele Brücken in Trümmern. Das Telefon funktionierte nicht. Schwimmer brachten die in wasserdichten Beuteln verschlossenen Wahlresultate zum anderen Ufer, von wo aus sie dem zentralen Wahlvorstand übermittelt wurden.
„Absage an alle Totalitätsansprüche“
Bald zeichnete sich ein Wahlsieg der Sozialdemokraten ab: 48,7 Prozent der abgegeben gültigen Stimmen! Am besten schnitt die SPD – mit mehr als 56 Prozent – in den Bezirken Kreuzberg, Spandau und Neukölln ab.  Knapp unter 40 Prozent lag ihr Anteil lediglich in Köpenick. Zweitstärkste Partei wurde die CDU mit 22, 2 Prozent der Stimmen – die SED folgte an dritter Stelle mit 19,8 Prozent. Die Liberalen fanden die Unterstützung von einem knappen Zehntel der Berliner. In Ostberliner Stadtbezirken – in Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Treptow und Weißensee - kam die Einheitspartei auf etwas über 30 Prozent der Stimmen, in 18 von damals 20 Stadtbezirken erreichten die Sozialdemokraten mindestens zehn Prozentpunkte mehr als die SED. In einer Stellungnahme der Berliner SPD zwei Tage nach der Wahl hieß es: „Wir sehen in dieser Entscheidung die Anerkennung des Kurses, den die Partei  seit dem Tage ihrer Urabstimmung gesteuert hat. Die Entscheidung bedeutet eine Absage an alle Totalitätsansprüche. Sie ist zugleich ein Zeugnis dafür, dass die Berliner Bevölkerung erkannt hat, dass nur Sozialismus und Demokratie aus der Not führen können.“
 Als am Freitag-Abend nach der Wahl im RIAS ein Vier-Parteien-Disput zu hören war, fand der Sprecher der SED-Führung seine Erklärung für das ihn enttäuschende Wahlergebnis vom 20. Oktober 1946: „Sechzehn Monate nach der Hitler-Diktatur können nicht alle Menschen schon klar sein über den Weg, den es zu gehen gilt.“  Fortan – in den folgenden 43 Jahren – ließ sich die Einheitspartei auf das Wagnis demokratischer Parlamentswahlen nicht mehr ein.                  

(aus: Berliner Stimme vom 21. Oktober 2006)

 

"Der Freiheit eine Gasse, so hat Berlin gewählt!"

Das Berliner Wahlergebnis vom 20. Oktober 1946
(von Hans Bonkas, Bundesvorsitzender des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold)

"Der Freiheit eine Gasse", so beginnt der Leitartikel des unvergessenen Chefredakteurs des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger, zum Ausgang der Berliner Wahlen vom 20. Oktober 1946. Den Ausruf von Arnold Winkelried in der Schlacht von Sembach 1386 hat er gewählt, weil er begeistert war, zusammen mit der übergroßen Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner. Begeistert vom Wahlergebnis der einzigen Gesamtberliner Wahlen für 45 Jahre. Denn Berlin hatte klar und überzeugend die Freiheit gewählt, einen Sieg der Demokratie über die Sowjetkommunistische Diktatur errungen, gleichzeitig allen Rudimenten der Nazi-Diktatur ein Ende bereitet und für ganz Deutschland und auch für Europa ein helles Zeichen der Freiheit in der dunklen Zeit des Totalitarismus gesetzt.

Wie der legendäre Arnold Winkelried haben die Berlinerinnen und Berliner dafür einen hohen Preis bezahlt. Winkelried, als er sich bei seinem Ausruf ein Bündel feindlicher Lanzen in die Brust rammte, um damit seinen Kameraden den Weg frei zu machen, und Berlin, weil es die Lanzen der sowjetkommunistischen Rache zu spüren bekam: über 45 Jahre lang Bedrängungen und Schikanen, Bedrohungen und Blockaden, Ultimaten und - seit 1961 - die Einmauerung. Aber die Berlinerinnen und Berliner haben durchgehalten und der Sieg der Freiheit über die Diktatur 1990 ist auch eine Folge der historischen Wahlen vom 20. Oktober 1946 gewesen.

Nach 1945 in Berlin: Trümmer und Umbruch

Der erste große Sieg der Freiheit vor 55 Jahren in Berlin ist keine Selbstverständlichkeit gewesen. Der Mut und das Engagement vieler Demokratinnen und Demokraten war erforderlich, um ihn zu erringen. Wir erinnern uns: Der Einzug der Westalliierten in Berlin hatte zwar eine Kultur der Rechtsstaatlichkeit in Stadt gebracht, die die Berlinerinnen und Berliner von den Soldaten der "Roten Armee" nicht kannten. Es blieb aber die Angst vor den unberechenbaren Sowjets bestehen, weil der NKWD zusammen mit deutschen Kommunisten massenweise Verhaftungen vornahm, und das auch noch in den Westsektoren. Unter dem Vorwand, gefährliche Nazis verhaften zu müssen, versuchten die Sowjetkommunisten gezielt das bürgerliche Führungspotential zu dezimieren. In der sowjetischen Besatzungszone und in Berlin fielen über 150.000 Menschen aus bürgerlichen Kreisen der Verhaftungswelle zum Opfer, 70.000 von ihnen sind in den bisherigen Nazi-Konzentrationslagern Buchenwald, Sachsenhausen und anderen umgekommen. Noch ungleich höher war die Zahl der Opfer des Sowjetsystems in den besetzten Gebieten Osteuropas.
In der Parteienlandschaft, die sich ab Juni 1945 in Berlin und in der sowjetischen Zone entwickelte, gab es von Anfang an keine Chancengleichheit: Die Sowjets förder- ten vielmehr gezielt die KPD mit allem, was in den Trümmern von Nachkriegsdeutschland für eine Partei eine ungeheuer große Rolle spielte: Mit Büroräumen, mit Wohnungen, mit Einrichtungen, mit Lebensmitteln, mit Telefon, mit Autos, Benzin und - ganz besonders wichtig - mit Papier; natürlich auch mit Geld. Die anderen Parteien konnten dagegen nur ihre große Solidarität und das außergewöhnliche persönliche Engagement ihrer ausgehungerten, oft wohnungslosen Mitglieder und Funktionäre setzen. Indessen, es half der KPD nichts: Die sowjetische Führung in Moskau musste bald erkennen, dass die Arbeiterschaft sich in ihrem neuen Machtbe- reich, vor allem in der sowjetischen Zone und in Berlin, der Sozialdemokratie zuneigt und dass die Kommunisten bei der Mehrheit der Bevölkerung keine Chancen hatten. Und das, obwohl sich die Kommunisten zu Anfang pointiert demokratisch gaben; ganz gemäß dem Motto von Walter Ulbricht "Es muss alles ganz demokratisch aus- sehen, aber wir müssen die Fäden in der Hand behalten." Die Fäden glitten aber den Kommunisten aus der Hand, jedenfalls bei freien und fairen Wahlen.

Die Zwangsvereinigung in der SBZ: Ein Schlag gegen die Freiheit

So beschloss man in Moskau, die SPD mit der KPD zu vereinigen und gleichsam durch die Hintertür die Vorherrschaft der Kommunisten zu begründen. In der sowjetischen Besatzungszone außerhalb Berlins hatte die SPD dem nicht viel entgegenzusetzen. Kein Wunder, denn ihre Handlungsmöglichkeiten waren unvorstellbar klein: Dass Landesvorstandsmitglieder über 100 Kilometer mit dem Fahrrad zu den Sitzungen fuhren war genauso wenig eine Seltenheit, wie Einladungen, die mit viel Mühe durch Radkuriere überbracht wurden. Wir dürfen auch nicht vergessen: Die Idee von der "Einheit der Arbeiterschaft", vom antifaschistischen Zusammenschluss und vom "Aufbau des Sozialismus" fiel gerade bei der Mehrzahl der SPO-Funktionäre, die zu den älteren Jahrgängen zählten, auf fruchtbaren Boden. Hierfür standen der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, August Fröhlich, der langjährige SPD-Funktionär Kurt Böhme, der sächsische SPD-Funktionär Buchwitz und viele, viele andere. Und vielen fehlte auch die Kraft, sich den Verlockungen zu entziehen, die die Sowjets im bitterarmen Nachkriegsdeutschland zu bieten hatten: Lebensmittel, Geld, Postenversprechungen. Bekannt wurden dafür der damalige Thüringer SPD-Vorsitzende Heinrich Hoffmann und natürlich Grotewohl und Fechner. "
Die Parteibasis war mehrheitlich gegen die Vereinigung, spielte aber schon aus den genannten technischen Gründen in der sowjetischen Zone keine entscheidende Rolle. Widerstand leistete nur eine kleine Zahl aktiver und gestandener Sozialdemokraten, die meisten von ihnen hatten bereits gegen die Nazis gekämpft. Natürlich kam diese kleine Gruppe, vor allem aus den mittleren und jüngeren Jahrgängen, nicht an gegen die geballte Macht der eigenen Funktionäre, der Kommunisten und der Besatzungsmacht.

Die Berliner SPD: Eine Partei sagt Nein!

In Berlin war die Situation der SPD ganz anders. Hier konnten sich die gestandenen Sozialdemokraten, die gegen die Vereinigung waren, relativ leicht und oft treffen. Und sie hatte große und überzeugende Persönlichkeiten in ihren Reihen: Franz Neumann aus Reinickendorf, Arno Scholz und Klaus-Peter Schulz aus Charlottenburg, Ella Kay und Werner Rüdiger aus Prenzlauer Berg, Kurt Swolinsky und Fritz Neubecker aus Tempelhof, Karl Germer aus Stegitz, Gerhard Aussner und Gottlieb Münsinger aus Spandau, Gustav Klingelhöfer aus Tiergarten. Sie und ihre tapferen Mitkämpfer aus allen Teilen Benins waren es, die der Mehrheit des damaligen SPD- Zentralausschusses ein eindeutiges Nein gegen die Vereinigung der SPD mit der KPD entgegensetzten. Dazu kam, dass Kurt Schumacher Ende Februar 1946 das erste Mal nach Berlin kam und den aufrechten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten den Rücken stärkte.
Am 1. März 1946 dann die historische Landesfunktionärskonferenz der SPD im Admiralspalast in der Friedrichstraße unter Leitung von Werner Rüdiger: Vereinigungsbefürworter um Grotewohl und Moltmann wurden ausgebuht. Mit großer Mehrheit beschloss die Berliner SPD die Urabstimmung in der ganzen Stadt unter den SPD- Mitgliedern über die Frage der Vereinigung mit der KPD. Allen, die dabei waren, ist bis heute der Geist dieses Abends im Admiralspalast unvergessen: Ganz viele Delegierte gaben sich das Wort, auf Gedeih und Verderb gegen die Kommunisten zusammenzuhalten. Das war ein ganz klares Signa! für die gesamte Berliner Bevölkerung, noch verstärkt durch das Ergebnis der SPD-Urabstimmung: 82 % der Parteimitglieder waren gegen die Vereinigung. Das Beispie! der Berliner Sozialdemokratie bewegte die über 3 Millionen Menschen in der Stadt, sich gegen die Diktatur zu stellen und für die Freiheit einzutreten. Im März 1946 wurde das Fundament für das Wahlergebnis am 20. Oktober 1946 gelegt.

Aus der sowjetischen Zone: Sozialdemokraten bringen die Wahrheit ans Licht

Auch wenn die Zwangsvereinigung in der sowjetischen Zone nicht zu verhindern war, gab es dort immer noch eine Reihe von aktiven aufrechten Sozialdemokraten. In allen Ländern der SBZ versuchten sie, die Organisation der SPD im Untergrund am Leben zu erhalten. Das war der gleiche Geist, der gleiche Freiheits- und Überlebenswillen, der den SPD-Vorstand in Hannover bei der Einrichtung des Ostbüros geleitet hat. Das Büro gewährte den Sozialdemokraten in der Sowjetischen Zone wertvolle Hilfe bei ihrem Kampf für die Demokratie und ihren Widerstand gegen die kommunistische Diktatur. Die gleiche Hilfe leisteten die Berliner Genossinnen und Genossen.
In dieser Zeit übermittelten die aufrechten Sozialdemokraten aus der SBZ dem Ostbüro und der Berliner SPD wichtige und aufschlussreiche Informationen über die politischen Verhältnisse und die Lebensumstände in der SBZ, vor allem aber über die Machenschaften der Kommunisten und über den Aufbau ihrer Diktatur. "Es muss alles ganz legal aussehen:', diesen Plan von Walter Ulbricht haben Sozialdemokraten vereitelt. Die Informationen, die die Wahrheit hinter der kommunistischen Propaganda zeigten, fanden ihren Weg in die westlichen Medien, besonders in die Westberliner Zeitungen: Telegraf, Tagesspiegel, Kurier und Neue Zeitung, aber natürlich auch in den RIAS. So wurden nicht nur die Westberliner und Westdeutschen mit Informationen über die Wahrheit in der sowjetischen Zone versorgt, sondern auch die Ostberliner und die Menschen in der SBZ. Diese Informationen sind ungeheuer wichtig gewesen, um den Menschen in West und Ost das wahre Gesicht des kommunistischen Regimes vor Augen zu führen und den Zusammenhalt der Deutschen in West und Ost zu festigen und zu stärken.
Dafür sind die Sozialdemokraten aus der SBZ mit großem Mut ein hohes Risiko eingegangen: Die meisten von ihnen wurden später von der SED dem NKWD zur Inhaftierung ausgeliefert. Für jedes ostdeutsche Land sollen deshalb hier, stellvertretend für alle anderen, einige dieser aufrechten Sozialdemokraten genannt werden. Es sind Namen, die eng mit dem Reichsbanner verbunden sind, in dem sie Mitglied waren.

Aus Sachsen:
- Arno Wend aus Dresden, ehemaliger Landessekretär der SPD, in der NS- Diktatur 4 Jahre inhaftiert, bei den Kommunisten 7 Jahre eingesperrt und
- Gerhard Weck, ehemaliger Oberbürgermeister von Werdau, bei den Nazis 11 Jahre und bei den Kommunisten 8 Jahre inhaftiert.
Aus Thüringen:
-Paul Kreutzer, ehemaliger Kreisvorsitzender der SPD in Saalfeld, von den Nazis inhaftiert und von den Kommunisten 7 Jahre eingesperrt und
Gustav Hartmann, ehemaliger Bürgermeister von Rudolstadt, von den Nazis inhaftiert und von den Kommunisten zu 25 Jahren Haft verurteilt, im SED-KZ Bautzen umgebracht.
Aus Sachsen-Anhalt:
- Fritz Drescher, ehemaliger Ministerialdirektor, bei den Nazis 4 Jahre, bei den
Kommunisten 7 Jahre inhaftiert und
- Wi!ly Brundert, ehemaliger Staatssekretär, bei den Nazis inhaftiert und von den Kommunisten 8 Jahre eingesperrt.
Aus Brandenburg:
- Paul Szillat, ehemaliger Oberbürgermeister von Brandenburg, bei den Nazis 4 Jahre, von den Kommunisten 6 Jahre inhaftiert und
- Reinhart Runge, ehemaliger Pfarrer in Potsdam, von den Nazis inhaftiert und bei den Kommunisten 8 Jahre eingesperrt.
Aus Mecklenburg:
- Willy Jesse, ehemaliger Kreisvorsitzender der SPD in Rostock, bei den Nazis 5 Jahre und von den Kommunisten 9 Jahre inhaftiert und
- Max Fank, ehemaliger Kreisvorsitzender der SPD in Stralsund, bei den Nazis
inhaftiert und von den Kommunisten 7 Jahre eingesperrt-
Aus Berlin:
- Julius Scherff, bei den Nazis 6 Jahre inhaftiert, von den Kommunisten einge-
sperrt und im KZ Sachsenhausen umgebracht und
- Werner Rüdiger, ehemaliger Kreisvorsitzender der SPD im Prenzlauer Berg, bei den Nazis 4 Jahre von den Kommunisten 6 Jahre inhaftiert.

Der Freiheit eine Gasse: Die Wahlen am 20. Oktober 1946

Am 20. Oktober 1946 waren nicht nur in Berlin sondern auch in allen Ländern der sowjetischen Zone Landtagswahlen angesetzt. Was die Sowjets unter Wahlkampf verstehen, hatten die Kommunalwahlen in der SBZ gezeigt. In ihrer Besatzungszone hatten die Sowjets keinen Aufwand gescheut, um die SED massiv zu unterstützen: Unmengen von Papier für Wahlreklame stand der SED zur Verfügung, während die anderen Parteien nur ganz geringe Kontingente erhielten. Um so bemerkenswerter, dass den Kommunisten nicht einmal in den Ländern der SBZ an den Wahlurnen der große Durchbruch gelang: Trotz massiver Versprechungen - die SED hatte auf Veranlassung der Sowjets der Bevölkerung zusätzliche Kartoffellieferungen, also eine Linderung der Hungersnot, in Aussicht gestellt -erhielt die SED nur in Sachsen die absolute Mehrheit. Das heißt, selbst im Gebiet der späteren DDR war der Kommunismus bei freien Wahlen nicht mehrheitsfähig. Auch hierfür ist die verdeckte aber massive und engagierte Gegenpropaganda der oppositionellen Sozialdemokraten ein wichtiger Beitrag gewesen.
Von zentraler Bedeutung waren natürlich die Wahlen in Berlin. Die Kommunisten überschlugen sich also mit einem Propagandabummel sonders gleichen. Aber es nützte nichts: Den überzeugenden Auftritten der führenden Berliner Sozialdemokraten hatten die Kommunisten und die auf ihre Seite gezogenen 'SPD-Funktionäre nichts entgegenzusetzen hatten.

Unvergessen sind auch die Auftritte von Kurt Schumacher und großer Demokraten anderer Parteien: Ernst Lämmer und Jacob Kaiser für die COU und Theodor Heuss für die LOPD. Die Kommunisten hatten in keinem Bezirk Berlins eine Chance.
Das Wahlergebnis sagt alles: SPD: 49 %; CDU: 22%; SED: 20 %; LDPD: .9 %. Und das bei einer Wahlbeteiligung von 92 %, in einer kriegsverwüsteten Stadt, in der die Menschen mit dem täglichen Oberleben beschäftigt waren. 80% der Stimmen für die Demokratie: Die Berlinerinnen und Berliner sagten klar und deutlich "Nein" zur kommunistischen Diktatur.

Der Leuchtturm der Freiheit: Das Berliner Wahlergebnis in Europa

Berlin war an diesem 20. Oktober 1946 ein Leuchtturm der Freiheit, der weithin sichtbar in das östliche Europa geleuchtet hat. Den Sowjets und den deutschen Kommunisten wurde klar aufgezeigt: Bei freien und fairen Wahlen haben sie nicht die Spur einer Chance! Genauso wichtig waren die Reaktionen bei den Menschen und Politikern der Westmächte. Man erkannte mit Erstaunen und Freude, dass die Berliner unter Führung der Berliner Sozialdemokraten bereit waren, für die Demokratie zu ";?1 stimmen und dafür auch große Opfer zu bringen. Das Bild Deutschlands und der Deutschen war auf einmal, 1 1/2 Jahre nach der Nazidiktatur, plötzlich mit Freiheit und Demokratie verbunden!
Dies war der Beginn der großen Freundschaft zwischen den Westalliierten, die bald zu Berliner Schutzmächten wurden und den Deutschen, die für die Verteidigung der westlichen Freiheit so wichtig werden sollte. Bei der ersten großen Bewährungsprobe dieser Freundschaft, der Berlin Blockade, appellierte Marlene Dietrich in den USA an alle dortigen Politiker: Lasst mein Berlin nicht im Stich! Und das haben die USA nicht getan, weil Marlene Dietrichs neues Berlin ein demokratisches Berlin war; Dank des Wahlergebnisses vom 20. Oktober 1946.
Hans Bonkas

 

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