1989-10-07 SDP-Gründung: Rückblick von Siegfried Heimann

7.10.1989

SDP-Gründung: Rückblick von Siegfried Heimann

In schwierigen Zeiten fragte sich die Sozialdemokratie oft: Wo stehen wir und wohin gehen wir. Aber ich meine, daß dabei eine weitere Frage an alle Sozialdemokraten nicht vergessen werden darf, die Frage: Woher kommen wir?

Die Frage ist umso wichtiger, da die Antwort nicht nur zum heutigen Selbstverständnis der Partei beitragen kann, sondern auch helfen kann, den Weg der Sozialdemokratie in unübersichtlichen Zeiten zu finden.
Bei der Eröffnung einer sehr sehenswerten Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, die der SDP-Gründung im Jahr 1989 gewidmet war, sagte der ehemalige Vorsitzende der SPD Hans-Jochen Vogel - und schrieb es damit wohl auch der ganzen SPD ins Stammbuch: Eine Partei ist nicht deswegen modern, weil sie von ihrer eigenen Geschichte keine Kenntnis mehr nimmt und er fügte hinzu: Es gilt im Gegenteil, sich der Wurzeln der Partei zu vergewissern.
Zu diesen Wurzeln gehört die Geschichte einer über 150jährigen Sozialdemokratie, die von ihren Anfängen in der 48-Revolution - und der Name einer ersten sozialdemokratischen Organisation: die "Arbeiterverbrüderung" von Stephan Born war Programm - der sozialen Gerechtigkeit und der Sorge um die Behebung der sozialen Not wie keine andere Partei verpflichtet ist. Der Name August Bebel steht stellvertretend für dieses Programm.
Zu diesen Wurzeln gehört auch und nicht weniger gewichtig das Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat. Dieses Bekenntnis schied in der Weimarer Republik Sozialdemokraten von Kommunisten. Sozialdemokraten waren am Ende der Weimarer Republik fast allein, als es galt, gegen den Nazismus im Namen der so sehr verleumdeten Demokratie Front zu machen. Der Name Otto Wels steht stellvertretend für dieses Bekenntnis.
Zu diesen Wurzeln gehört auch die Wiedergeburt der Sozialdemokratie nach dem Ende der Nazidiktatur in allen vier Besatzungszonen. Die SPD war ja nicht neugegründet, sondern wiedergegründet worden. Die Lösung der sozialen Probleme der Nachkriegszeit, aber auch die Auseinandersetzung mit der ebenfalls wiedergegründeten Kommunistischen Partei stand in allen vier Besatzungszonen gleichermaßen auf der Tagesordnung. Und erneut war es das Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat, das die Sozialdemokratie von der kommunistischen Bewegung schied, nachdem die "Euphorie von einer möglich scheinenden Einheit" schnell vergangen war. Die Namen Kurt Schumacher und Willy Brandt stehen für dieses Bekenntnis.
In der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR konnte sich die Sozialdemokratie als selbständige Partei nicht behaupten, wenn wir von dem Sonderfall Berlin absehen, auf den ich noch kurz zu sprechen kommen werde. Es gab keine Vereinigung zweier gleichberechtigter Parteien zur SED, sondern eine "Zwangsvereinigung". Sozialdemokratische Wurzeln in dieser SED wurden bald brutal ausgerissen. Das Wort "Sozialdemokratismus" wurde nicht nur wie die Worte "Schumacher-Clique" und "Brandt-Söldling" zum Schimpfwort, sondern in den Parteisäuberungen auch zum Leib und Leben bedrohenden Vorwurf.
Und schließlich: - und damit schließe ich den Kreis:
Zu diesen historischen Wurzeln gehört auch - so merkwürdig das vielleicht nach nur fünfzehn Jahren klingen mag - die Gründungsgeschichte der SDP in der DDR im Sommer und Herbst 1989. Ich sage bewußt: Sommer und Herbst 1989, weil ja die Geschichte der SDP in der DDR nicht erst am 7.Oktober 1989 in Schwante und in Ostberlin nicht erst am 5. November 1989 begann
Es schmälert die - um ein großes, aber angemessenes Wort zu gebrauchen - historische Bedeutung des Gründungsaktes der SDP am 7.Oktober 1989 in Schwante auf keinen Fall, wenn wir uns am heutigen Tage auch daran erinnern, daß die Gründung der SDP eine Geburt aus dem Geiste der demokratischen, pazifistischen, ökologischen, sozialen, ja auch sozialistischen Bürgerbewegung in der DDR war. Diese Erinnerung entbindet freilich nicht von der Frage, was denn nun neben den vielen verwandtschaftlichen Beziehungen zur umfassenden Friedens-und Bürgerrechtsbewegung der DDR nun das Andere, das Besondere an der Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR war, in einer DDR, die schon viele Risse im Gebälk zeigte, aber im Sommer äußerlich noch keineswegs zu erkennen gab, wie hohl das ganze Bauwerk schon seit langem im Inneren war.

Darauf hinzuweisen, erscheint mir in der heutigen Zeit nicht unwichtig zu sein, wo sich die Stimmen häufen, die - wenn von den revolutionären Veränderungen im Herbst 1989 die Rede ist, nur noch von einer Implosion der DDR sprechen: es heißt: die DDR sei vor allem aus ökonomischer Schwäche ohne zutun von außen wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Eine solche Deutung vergißt den Wandel im ganzen Ostblock, vor allem in der Sowjetunion, der mit dem Namen Gorbatschow verbunden ist, vergißt aber auch und vor allem das mutige Handeln von am Schluß Hunderttausenden in der ganzen DDR, um diesem morschen Gebäude DDR den entscheidenden Stoß zu versetzen. Wir müssen uns nur die Situation im Sommer 1989 immer wieder vor Augen führen, um diese eindimensionale Deutung, wenn sie denn verabsolutiert wird, als Legende zu erkennen. Friedrich Schorlemer schrieb diesen Legendenbildnern ins Stammbuch: "Mir kommen in nachhinein zu viele Leute vor Augen, die meinen, es sei alles einfach zusammengebrochen. Sie erinnern sich nicht der Angst auf allen Seiten, der wirklich explosiven Atmosphäre seit dem Juni 1989, also seit den Ereignissen in China." Und in der Tat: die Drohung, daß der Staat, die Partei und seine Machtorgane Gewalt anwenden könnten, war ja real, die chinesische Lösung nicht auszuschließen und die Angst beherrschte viele in den zahlreicher und größer werdenden Gruppen der Bürgerbewegung. Sie sind dennoch auf die Straße gegangen und sie haben dennoch Alternativen zu der real existierenden erstarrten Gesellschaft nicht nur im stillen Kämmerlein formuliert, sondern auch mutig öffentlich eingefordert.

Seit Anfang des Jahres 1989 warben Martin Gutzeit und Markus Meckel für die Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR. Sie verstanden sich, wie viele -wenn auch nicht allzu viele - als Teil der seit Mitte der siebziger Jahre nur sehr allmählich anwachsenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR, auch sie wollten zunächst die DDR zum Besseren verändern und hatten deshalb noch 1987 vom Westen die Anerkennung einer DDR-Staatsbürgerschaft gefordert. Sie schrieben damals - in Vorbereitung eines Friedensseminars im August 1987 - "Wir wollen im Ausland und auch in der Bundesrepublik als Staatsbürger der DDR anerkannt sein und ebenso im eigenen Land Staatsbürger sein - nicht Untertanen". Sie forderten deshalb radikale Reformen in "unserem Land": ein Verwaltungs- und ein Verfassungsgericht und eine freie und geheime Wahl zwischen mehreren Kandidaten zur Herstellung von mehr Demokratie standen auf dem Wunschzettel. Sie erinnerten in dem Zusammenhang an die Veränderungen in der Sowjetunion und forderten am Schluß ihres Papiers dazu auf, "eine Identität als DDR-Bürger zu finden". Von einer oder von mehreren Parteien als Konkurrenz zur SED und zu den Blockparteien oder gar von einer Infragestellung der DDR als Staat war noch keine Rede.
Schon ein Jahr später hatten sie die Hoffnung aufgegeben, radikale Reformen in der DDR zusammen mit der SED zu erreichen. Sie meinten nun und sie nicht allein, das ganze politische System der von der SED absolut beherrschten DDR müßte gesprengt werden, um den Spielraum für diese radikalen Reformen überhaupt zu haben. Und bei diesem Sprengversuch sollte der Gründung und Etablierung - nicht irgendeiner - sondern einer sozialdemokratischen Partei eine entscheidende Funktion zukommen.

Sehr selbstbewußt beschreiben Gutzeit und Meckel einige Jahre später diesen aus ihrer Sicht sehr erfolgreichen Sprengversuch: "Die Existenz einer sozialdemokratischen Partei in der DDR hatte praktisch und historisch nachweisbar eine revolutionäre und systemsprengende Bedeutung. Sie war aus der Sicht der SED in das bestehende System schlechthin nicht integrierbar und stellte allein durch ihre Existenz die SED und damit letztlich die DDR in Frage."
Das klingt etwas vermessen und es ist dennoch nicht übertrieben. Die Gründung einer politischen Partei, einer sozialdemokratischen Partei noch dazu, ohne dafür die Erlaubnis von den Machthabern zu erbitten, war eine radikale Herausforderung an das bestehende politsche System in der DDR. Mit ihrem Gründungsakt in Schwante dokumentierten die wenigen Sozialdemokraten der ersten Stunde, daß sie nicht länger bereit waren, den seit 1948, spätestens seit 1950 bestehenden und wahrgenommene Machtanspruch der SED hinzunehmen. Das macht vor allem - wie ich meine - den entscheidenden Unterschied zu den Aktvitäten der anderen Friedens- und Bürgerrechtsgruppen aus. Die Gründung einer Partei, die nicht mehr bereit war, nach den Spielregeln des bestehenden Systems zu agieren, war eine neue Qualität in der Auseinandersetzung mit dem SED-Regime, an der alle anderen Gruppen natürlich ihren Anteil hatten und deren Anteil auch nicht gering eingeschätzt werden darf.
Der Wandel im Denken der Initiatoren einer Parteigründung geschieht innerhalb kurzer Zeit. Einschneidendes Erlebnis war im Januar 1988 die Erfahrung der unduldsamen Repression während der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration hier in Berlin. Martin Gutzeit notierte im Februar 1989, also kurz nach der Verhaftung von Wolfgang Templin und Bärbel Bohley in seinem Tagebuch: "Wir dürfen nicht nur Reagierende sein, sondern müssen Bedingungen schaffen, unter denen wir Agierende bleiben können, ...". Er überlegte dann in diesem Zusammenhang, wie die Oppositionsbewegung aus dem Ghetto der linksalternativen Szene herauskommen kann. Die Idee einer Parteigründung lag nur allzu nahe. Im Aufruf der Initiativgruppe "Sozialdemokratische Partei in der DDR", zu der Martin Gutzeit und Markus Meckel gehörten, hieß es im Sommer 1989 mit ähnlichen Worten: "So kann es nicht weitergehen! Viele warten darauf, daß sich etwas ändert. Das aber reicht nicht aus! Wir wollen das unsere tun. ... Wir ... halten für den künftigen Weg unserer Gesellschaft die Bildung einer sozialdemokratischen Partei für wichtig."

Über die Geschichte der Entstehung der Partei vom August 1989 bis zum 7. Oktober 1989 ist schon viel geschrieben worden und kann mühelos nachgelesen werden, nicht zuletzt in der von Wolfgang Herzberg und Patrick von zur Mühlen herausgegebenen Textsammlung über den sozialdemokratischen Neubeginn in der DDR. Der Titel ist bezeichnend: "Auf den Anfang kommt es an".
Ich will aber zumindest darauf hinweisen, wie sich der in Schwante gewählte Vorstand zusammensetzte, da in dem Zusammenhang in der Öffentlichkeit einige Verwirrung herrschte und herrscht. Zum ersten Sprecher der neugegründeten SDP in der DDR wurde Stephan Hilsberg gewählt, zu zweiten Sprechern wurden gleichberechtigt Markus Meckel und Angelika Barbe benannt und erst an vierter Stelle taucht als Geschäftsführer der Name Ibrahim Böhme auf. Eine wichtige Funktion, zweifellos, aber Parteivorsitzender der SDP war er nicht, das kam - für kurze Zeit - erst später.
Immer wieder sollte aber auch an die Zielvorstellungen der Parteigründer erinnert werden, denn sie gehören zu den von mir eingangs angesprochenen Wurzeln der Partei, die nicht vergessen werden dürfen.
Der Gründungsaufruf war ja zunächst aus gutem Grund etwas verklausuliert überschrieben: "Aufruf zur Bildung einer Initiativgruppe mit dem Ziel, eine sozialdemokratische Partei in der DDR ins Leben zu rufen" - so der lange Titel eines historischen Dokuments. Aber der Aufruf stellte nicht nur den "absoluten Wahrheits- und Machtanspruchs der SED" - wie es im Text heißt - infrage, er bekannte sich nicht nur zu den politischen Traditionen, die -ich zitiere - "an Demokratie und sozialer Gerechtigkeit orientiert sind", er formulierte auch als Ziel "eine ökologisch orientierte soziale Demokratie". Das klingt zunächst nur nach einem Schlagwort, aber es folgen dann auch noch "Stichworte zum Programm" , die dem Schlagwort einen Inhalt geben.
Dazu gehört auch die Forderung nach dem "Sozialstaat mit ökologischer Orientierung", es gehört dazu die Forderung nach einer "Demokratisierung der Struktur des Wirtschaftslebens u.a. durch betriebliche Mitbestimmung" und es gehört dazu - nicht zuletzt - die Forderung nach "Gewährung von Asyl für politische Flüchtlinge". Vieles davon steht auch im Berliner Programm der SPD vom Dezember 1989. Aber da das Berliner Programm im Wettbewerb um das am schnellsten vergessene Programm der SPD gut im Rennen liegt, kann es m.E. nicht schaden, daran zu erinnern, wie sehr SDP-Ost und SPD-West im Jahre 1989 programmatisch an einem Strange zogen.
Der Aufruf wurde zunächst nur im kleinen Kreis verbreitet und - so hieß es später -: er schlug ein wie eine Bombe. Dazu kam die nicht unwillkommene vorzeitige Veröffentlichung in einer westlichen Zeitung, die die Parteigründer unter Zeitdruck setzte: der 7.Oktober wurde nicht so sehr ausgesucht, um zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung einen ironischen Kommentar abzugeben, sondern aus der - freilich illusionären - Hoffnung, daß an diesem Tage die "Organe" der Macht anderweitig beschäftigt seien. Der Ort: das Pfarrhaus in Schwante schien abgelegen, vor allem aber lag der Ort nicht in Berlin, wo die zentralen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR stattfinden sollten..
Die Initiatoren der SDP wußten um die formalrechtliche Möglichkeit, in Ostberlin - immerhin der Hauptstadt der DDR - eine SPD als Organisation legal wieder ins Leben zu rufen.
Auch Berliner Sozialdemokraten ist ja heute oft nicht mehr bekannt, daß die Berliner SPD bis Mitte 1961 in Ost-Berlin legal politisch tätig war. Aufgrund des alliierten Status der Stadt war die SPD seit Mitte 1946 auch in Ost-Berlin wieder als Partei offiziell zugelassen und in allen (damals) acht Ost-Berliner Bezirken als Teil der Berliner Landesorganisation politisch aktiv. Die politische Arbeit der Partei wurde - verstärkt nach 1948 - von der sowjetischen Besatzungsmacht und von der SED behindert, das Bekenntnis der Mitglieder zur SPD führte zu Schikanen und ein großer Teil des Organisationslebens fand - besonders seit den fünfziger Jahren - in West-Berlin statt. Dennoch bekannten sich noch Mitte 1961 über 5 ooo Sozialdemokraten in Ost-Berlin zur SPD (rund 12% aller Berliner Mitglieder) Allein in Köpenick waren es 1960 noch knapp 630 Mitglieder und in Treptow knapp 450, zusammen also fast 1 100, in Lichtenberg: knapp 860, ich weiß nicht, wieviele es heute sind, aber wohl kaum mehr. Nach dem Mauerbau in Berlin beschloß der Berliner Landesvorstand der SPD am 23. August 1961, die acht SPD-Kreisorganisationen in Ost-Berlin aufzulösen, da die gemeinsame politische Arbeit in einem Landesverband nicht mehr möglich war. Die SPD gab jedoch ihren Anspruch, auch in Ost-Berlin wieder politisch aktiv zu werden, nie auf.
Die Gründer der SDP wußten - wie gesagt - um diese Möglichkeit der legalen Zulassung einer SPD und sie wußten auch um die Existenz von Resten eines sozialdemokratischen Milieus in Ostberlin. Immerhin haben sich rund 600 Sozialdemokraten auf ihre frühere Mitgliedschaft in der Ost-Berliner SPD berufen, als sie 1989/90 wieder in die SDP/SPD eintraten. Aber die Initiatoren der SDP sind bewußt diesen Weg nicht gegangen. Eine Beschränkung nur auf Ostberlin kam nicht infrage, die Herausforderung an die SED sollte DDRweit gelten.
Und die Reaktion der DDR-Machthaber zeigte, daß die Botschaft angekommen war. Das begann bereits bei der Art und Weise, wie das Politbüro der SED von der Gründung offiziell erfuhr. Die Gründer von Schwante baten die Machthaber nicht um die Zulassung der eben gegründeten Partei, sondern teilten die Gründung lapidar mit. Schon in dieser Sprachregelung lag eine Herausforderung, die von Mielke auch so verstanden wurde. In einem von ihm mitverfaßten Beschlußentwurf des Politbüros heißt es, daß die Gründungshandlungen rechtswidrig seien, der Aufruf beweise die Verfassungswidrigkeit der neuen Partei - sie nannten sie freilich "Zusammenschluß", denn sein Inhalt richte sich - von Mielke zweifellos richtig erkannt - u.a. "gegen die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse". Der Bürger Böhme -er hatte die Mitteilung abgeschickt - sollte darüber belehrt werden, daß die "bisher rechtswidrig vorgenommenen Gründungshandlungen rückgängig zu machen und weitere Gründungshandlungen zu unterlassen sind". Zum Schluß werden bei Zuwiderhandlung rechtliche Konsequenzen angedroht.
Die Überzeugung, die nicht wenige der in Schwante anwesenden Gründer hatten, daß nämlich die Gründung der SDP vor der Stasi geheimgehalten werden konnte, war natürlich ein Irrtum. Aber die zynische Gewißheit der Stasi, alles im Griff zu haben, war ebenso illusionär. In einem Vermerk des Unterleutnants Simon über eine Besprechung, die die Gründung in Schwante zum Thema hatte, heißt es:
"Aus der Gründung der SDP ergeben sich folgende operative Zielvorstellungen:
1. inoffizielles Eindringen in die SDP
2. zersetzen, debattieren, zerreden auf der untersten Ebene
3. Schaffung einflußreicher IM auf der mittleren Ebene
4. Suche und Realisierung von offizialisierbarem, öffentlichkeitswirksamen
Auswertungsmaterials zu den Vorstandsmitgliedern
5. Erstellung zentraler Informationen (Kurzauskünfte) zu den leitenden Mitgliedern der SDP

Wir wissen heute: zahlreiche IM haben auch in der SDP ihr Bestes versucht, sie haben zersetzt und zerredet, sogar auf auf allen Ebenen, - der Name Böhme ist schon gefallen - aber den organisatorischen Aufbau der Partei aus dem Nichts konnten sie nicht verhindern. Diese Zeiten waren vorbei und das alles in nur wenigen Wochen. Noch in den Tagen vor dem 7.Oktober rechneten viele der nach Schwante auf umständlichen Wegen Anreisenden damit, dort nicht anzukommen oder von dort nicht mehr als freie Frauen oder freie Männer wegzukommen. In der Nacht vor dem 7.Oktober sollte keiner zu Hause schlafen, um einer vorstellbaren und in Kauf genommenen Verhaftung - das muß auch immer wieder gesagt werden - zu entgehen.
In den Wochen danach begann in der ganzen DDR, in Ostberlin und nicht zuletzt in Köpenick und Treptow [Lichtenberg], die neue Partei Gestalt anzunehmen. Am 12. Oktober bereits, so berichtet Torsten Hilse aus Pankow, nahm er in seiner Wohnung Jörg und Regine Hildebrandt in die Partei auf.
Die große Bruderpartei im Westen hatte zunächst skeptisch, wohl auch etwas ungläubig von den Initiativen zur Gründung einer SDP in der DDR Kenntnis genommen. Erste Kontaktversuche in Bonn (im Zusammenhang mit Privatreisen) und in Westberlin stießen nicht bei allen Sozialdemokraten auf herzliches Entgegenkommen. Aber entgegen anderslautender Legenden, die bis heute immer wieder kolportiert werden, hat die SPD nach einmal erfolgter Gründung am 7. Oktober die SDP als Schwesterpartei begrüßt und ihr jede Unterstützung zugesagt und auch realisiert. In einer Presseerklärung des Präsidiums des Parteivorstandes der SPD heißt es bereits am 8.Oktober 1989: Die SPD begrüßt angesichts der Gründung einer SDP, "daß in der DDR immer mehr Menschen ihre Stimme erheben, die sich ausdrücklich zur Friedenssicherung und den übrigen Prinzipien des demokratischen Sozialismus bekennen und dafür eintreten, diese Prinzipien in der DDR zu verwirklichen. ... Wir erklären uns mit ihnen solidarisch. ... Die volle Entfaltung der Demokratie und des Pluralismus ist jedenfalls ohne eine starke Sozialdemokratie nicht denkbar."
Ende Oktober gab es eine Vorstandssitzung der SDP, auf der auch alle vertreten waren, die ihren Adresse als Kontaktadresse zur Verfügung stellten: die Zahl der Ortsnamen aus der ganzen DDR war erstaunlich groß. Neben vielen Berliner Adressen - fast alle Ostberliner Bezirke waren dabei - waren es - ich zähle einfach mal auf-: Rostock, Schwerin, Stralsund, Röbel, Neubrandenburg, Potsdam, Christinendorf, Marwitz, - natürlich Schwante, Magdeburg, Staßfurt, Stendal, Cottbus, Finsterwalde, Halle, Naumburg, Leipzig, Erfurt, Weimar, Dresden, Gera, Greiz, Jena und noch einige kleinere Orte. Eine beachtliche Zahl von Ortsgruppen war nur wenige Tage nach Schwante im Entstehen, aber dieses Erfolgserlebnis für die Gründer darf nicht darüber hinweg täuschen, daß hier eine neue Partei organisatorisch von Null anfing. Sie konnte sich nicht auf festgefügte Strukturen stützen, wie die so schnell gewendeten Blockparteien, von der SED/PDS gar nicht zu reden. Enttäuschungen im Frühjahr 1990 sollten deshalb auch mit vor diesem Hintergrund gesehen werden.
Nur wenige Wochen später wurde am 5. November der Berliner Bezirksverband der SDP in der Berliner Sophienkirche gegründet. Es mutet ein wenig wehmütig an, wenn Torsten Hilse in dem Zusammenhang schreibt, daß er zusammen mit einem Genossen am Eingang der Kirche einen Tisch aufgebaut hatte. Die Menschen standen davor Schlange, um nach Zahlung eines ersten Beitrages in die Partei aufgenommen zu werden. Schlange stehen, um SPD-Mitglied zu werden. Es ist lange her.
Dank der sorgfältigen Arbeit des IM Reinhard ist - wie schon gehört und gesehen - die ganze Gründungsversammlung auf Video dokumentiert. Die Begrüßung der Teilnehmer dieser Berliner Gründungsversammlung durch den Diskussionsleiter gibt einen Eindruck von der Stimmung, von den Emotionen, aber auch von der Aufbruchsstimmung, die zu diesem Zeitpunkt in der Berliner SDP vier Wochen nach Schwante herrschte. Ich darf diese Begrüßungsworte von Herbert Hofmann zum Abschluß noch einmal zitieren:
"Wir leben in einer Zeit, die wir lange, viel zu lange ersehnt haben. Wir leben in einer Zeit, die wir vor wenigen Tagen noch nicht wagten zu träumen. Wir erleben Tage, wir erlebten gestern einen Tag, um diesen zu begreifen, werden wir sehr viel Zeit brauchen. Zeit die wir nicht haben. Deswegen sind wir hier. Ich begrüße uns hier in dieser Kirche. Daß wir in dieser Kirche sind, liegt an der Zeit und an den Umständen dieser Zeit. Wir sind angetreten, diese Umstände in dieser Zeit zu verändern."
Und Stefan Finger fügte wenig später hinzu - inzwischen hatte Ibrahim Böhme länger geredet:
"Tief bewegt habe ich den gestrigen Tag erlebt. Dieser 4. November wird Eingang finden in die Geschichtsbücher unseres Landes. Er läßt uns berechtigter Weise stolz sein auf das Volk in der DDR, aber angesichts der Tausende, die auch in den letzten Stunden unser Land verlassen haben, können wir nicht stolz sein auf den Staat in der DDR. Deutlich wird: die Zeit drängt. Lassen Sie uns unserer Verantwortung gegenüber der einzigen Autorität im Lande, dem Volk, heute in allen Entscheidungen gerecht werden."

Die SDP - seit Anfang des Jahres 1990 hieß sie wieder SPD - hat in den folgenden Jahren versucht, diesen Anspruch einzulösen, es gibt viele Gründe, auch hausgemachte, daß dies noch nicht überall gelungen ist und daß bis heute auch viele Rückschläge zu verzeichnen waren. Aber die Frauen und Männer aus dem Pfarrhaus in Schwante am 7. Oktober 1989 und aus der Berliner Sophienkirche am 5. November 1989 und die vielen, die sich ihnen in den Wochen danach anschlossen, haben den Anfang gemacht. Und auf den Anfang kommt es an.

Siegfried Heimann

der hier vorliegende Text war Grundlage für Referate anlässlich des 15. Jahrestags der Gründung des Berliner Bezirksverbandes in Treptow-Köpenick und Lichtenberg im November 2004

 

Unsere Webseiten verwenden Cookies zur Verbesserung der Bedienung und des Angebots sowie zur Auswertung von Webseitenbesuchen. Einzelheiten über die von uns eingesetzten Cookies und die Möglichkeit diese abzulehnen, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.